Geistliches Wort

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19.02.21

Westwerk Corvey

Corvey, Westwerk

Für die Kunstgeschichte ist das Corveyer Westwerk von großer Bedeutung, mehr noch freilich für die Geschichte und Wirkung des Christentums im Norden unseres Kontinents. Das Kloster Corvey gehört zu den Wiegen des christlichen Europas. Die erste Wiege des Christentums ist das Osterereignis, auf das wir uns in dieser Fastenzeit wieder
vorbereiten, eine Zeit, in der wir einen besonderen Blick auf die Weise unseres Lebens in dieser Zeit richten können, die sicher eine besondere ist und daher auch des Nachdenkens und (Sich-)Prüfens wert ist. Die biblische Tradition kennt mit den Propheten intellektuelle Dissidenten, die das Handeln von Mächtigen und Mehrheiten immer wieder einer Prüfung und Kritik unterzogen haben, in der Blickrichtung Macht korrumpiert, Moral kostet Geld … und dafür auch die Konsequenzen zu spüren bekamen.

Moral bezeichnet zunächst die Handlungsprinzipien einer Gruppe, Ethik die Fragestellung: Darf ich alles, was ich kann? Wenn ja, warum? Wenn nein, warum nicht? Was bestimmt also unser Handeln? Woran orientieren wir uns? Heute sprechen wir oft von Werten, wie etwa der Achtung für das Leben des anderen Menschen. Dieser Wert ist ohne Zweifel gut und richtig und umzusetzen.
Früher sprach man – wie es der Religionsphilosoph Remi Brague einmal aufgezeigt hat – von Geboten, wie etwa Du sollst nicht töten. Du sollst nicht stehlen. Du sollst nicht lügen. Das sind Selbstverständlichkeiten, ohne die eine menschliche Gesellschaft nicht lange bestehen kann.
Wenn man das unter dem Begriff Werte fasst, ändert man die Perspektive: Gebote kommen von oben.  Werte sind dagegen etwas, was wir bestimmen können, denn ein Wert ist das, was wird bereit sind zu zahlen, um etwas zu bekommen. Damit kommen wir in die Welt des Verhandelns und werden damit zu Entscheidern über das, was getan oder gelassen werden soll. Das bringt Werte in den
Bereich der Verfügbarkeit: Einerseits: Es ist bequemer, mit Werten zu leben – ich kann entscheiden. Andererseits können Mächtige Werte festlegen oder umwerten, zu ihren Gunsten. Korruption und Willkür sind dann oft schwerwiegende Folgen. Gebote dagegen anerkennen den göttlichen Ursprung und damit auch eine Unverfügbarkeit. Diese
Unverfügbarkeit sichert das Leben des Einzelnen wie einer Gesellschaft. Darauf haben die biblischen Propheten
immer wieder hingewiesen. Für mich ist dieser Hinweis ein Auftrag durch die Zeiten hindurch, insbesondere immer wieder für die Fastenzeit. Schärfen wir daher unseren Blick

– nach oben

– nach unten und zur Seite

– und lassen uns von dem leiten, der das Leben

der Menschen in Fülle will …

 

Pfarrdechant Hans-Bernd Krismanek