Ich glaube nur, was ich sehe.“
Ich glaube nur, was ich sehe.“
Dieser Satz ist vielleicht das inoffizielle Glaubensbekenntnis unserer Zeit.
Auch am Ostermorgen herrschte diese Logik. Die Jünger sahen das Grab, den schweren Stein. Für sie war die
Sache erledigt. Das Grab ist die sichtbare Realität. Selbst als die Frauen vom leeren Grab berichteten, bleibt der Apostel Thomas bei dieser Logik: „Ich glaube nur, was ich sehe.“
Doch Ostern stellt diese Logik auf den Kopf. Wer die Evangelien liest, merkt: Die Augen allein reichen für die Realität nicht aus. Maria Magdalena steht vor dem leeren Grab. Sie sieht Jesus direkt an – aber sie erkennt ihn nicht. Sie hält ihn für den Gärtner. Erst als er sie beim Namen ruft, gehen ihr die Augen auf. Hier kehrt sich der Satz um: „Ich sehe nur, was ich glaube.“ Oft ist es unsere Erwartung oder
unser Vertrauen, das den Blick verstellt oder öffnet. Wer nicht an die Liebe glaubt, wird in einer freundlichen Geste nur Berechnung sehen.
Ostern will unser Sehen verändern: Wer glaubt, dass der Tod nicht das letzte Wort hat, der kann in den kleinen
Zeichen des Lebens den auferstandenen Herrn sehen. Wir können ihn in der Hand sehen, die sich zur Versöhnung ausstreckt, auch wenn es schwierig scheint. Wir können ihn sehen im Mut derer, die sich für Solidarität und Gerechtigkeit einsetzen, auch wenn es aussichtslos scheint. Hier können wir mit dem Blick des österlichen Glaubens sehen, wie sich Gräber der Hoffnungslosigkeit öffnen.
Glauben wir nicht nur, was wir sehen. Fangen wir immer mehr an zu sehen, was wir glauben: Der Stein des Grabes ist weggerollt. Das Leben ist stärker als der Tod. Auf diese Botschaft können wir unser Leben bauen.

Pfarrdechant Hans-Bernd Krismanek
